Seit einigen Tagen geht es in Indien wieder hoch her. Die zweite Runde im Kampf um die Lokpal, ein Anti-Korruptionsgesetz, hat begonnen.
Der Hauptkaempfer hinter einem starken Lokpal-Gesetz ist Anna Hazare, ein 74-Jaehriger Gandhianer aus Maharashtra. Bereits Anfang 2011 hat er eine Sathyagraha-Bewegung (Gewaltloser Widerstand, ein Konzept welches im Unabhaengigkeitskampf von Gandhi entwickelt wurde) ins Leben gerufen um fuer ein starkes Anti-Korruptionsgesetz zu protestieren.
Bevor ich mehr zum sehr umstrittenen Thema Lokpal schreiben werde, moechte ich die Person die zum Kopf der Bewegung wurde, Anna Hazare, kurz vorstellen.
Ganz ehrlich, der Name Anna Hazare, sagte mir bis zum Fruehjahr 2011 ueberhaupt gar nichts. Dann tauchte der Name oeffter auf und zur Zeit prankt er auf jeder Tageszeitung. Wer ist dieser Mann habe ich mich gefragt?
Anna Hazare wurde 1937 unter dem Namen Kisan Baburao Hazare in einem kleinen Dorf in Zentral-Maharashtra geboren. Er war das Kind armer Eltern und nur durch die Hilfe einer Tante die ihn mit nach Mumbai nahm, bekam er die Gelegenheit 7 Jahre in die Schule zu gehen. Im Anschluss begann er als Blumenverkaeufer in Mumbai zu arbeiten um seine Familie zu unterstuezen.
1962 ging er zur indischen Armee und wurde 1965 im Indisch-pakistanischen Krieg verletzt. Als einziger in seinem Konvoi ueberlebte er einen pakistanischen Luftangriff. Dieses Ereignis bewegte ihn dazu mehr ueber den Sinn des Lebens nachzudenken. Er las die Weke von Swami Vivekanada und Gandhi und entschied sich schliesslich sein Leben anderen Menschen zu widmen.
1978 verliess er die Armee, nachdem er mit 5 Tapferkeitsmedallien ausgezeichnet worden war.
Nach seiner ehrenvollen Entlassung ging Anna Hazare zurueck nach Ralegan Siddi, seinem Heimatdorf in Maharashtra um das Leben dort zu verbessern.
Ralegan Siddi ist ein typisches Dorf im trockenen Hinterland Maharashtras. Aufgrund der Duerre und des schlechten Bodens waren die Menschen dort arm und es gab wenig Hoffnung auf ein besseres Leben.
Um die Situation der Menschen in seinem Dorf zu verbessern, begann Anna Hazare die Dorfjugend zu organisieren. Er gruendete die Organisation Tarun Mandal (Jugendorganisation) und zusammen mit den jungen Menschen begann er Wege aus dem Elend zu suchen.
Als erstes und groesstes Uebel des Dorfes identifizierte er den Alkohol. Er rief eine Versammlung der Doerfler in den Tempel und sie entschieden gemeinsam Alkohol aus dem Dorf zu verbannen. Da diese Resolution im Tempel geschlossen wurde, sahen die Dorfleute sie als religioese Pflicht an. Die Distillen des Dorfes wurden geschlossen und Betrunkene oeffentlich ausgepeitscht. Letzteres rief Widerstand und nationale Empoerung hervor. Hazare konterte dass das laendliche Indien nun mal eine harte Gesellschaft war und dass auch Muetter ihren Kindern bittere Medizin gaben, wenn es denn notwenidig war. Die Kinder moegen die Medizin nicht, aber sie hilft. Er habe zu strengen Methoden gegriffen, da der Alkohol die Familien im Dorf zerstoert und fuer die Frauen und Kinder oft Hunger und Gewalt bedeutet.
Hazare setzte sich auch fuer ein Gesetz in Maharashtra ein, welches den Verkauf von Alkohol in einem Dorf verbietet, wenn 25% der Frauen dafuer sind oder wenn der Dorfrat (Gram Sabha) dies entscheidet. Dieses Anliegen wurde 2009 Gesetz.
Spaeter setzte sich Hazare auch erfolgreich gegen den Verkauf von Taback in unterschiedlicher Form in seinem Dorf ein.
1980 rief er eine Kornbank ins Leben. Reiche Farmer oder solche mit einem Extra-Ertrag, gaben dem Tempel einen Teil ihres Ueberschusses ab. Von diesem Ueberschuss konnten sich arme Bauern deren Felder zu wenig Ertrag abgeworfen hatten, einen Teil leihen unter der Bedingung diesesn Teil plus Zinsen in guten Jahren wieder zurueck zu geben. Somit mussten die Bauern sich kein Geld mehr leihen.
Anna Hazare reformierte sein Dorf Ralegan Siddi von Grund auf und bekaempfte viele soziale Probleme. Er verbesserte die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Kasten untereinander und verbesserte die Lebensbedingungen und den sozialen Stand der Dalits im Dorf.
Gemeinsam Dinge zu entscheiden brachte eine groessere soziale Einheit der Menschen hervor. Gleichzeitig setzte er Dinge in Bewegung wie Gemeinschaftshochzeiten oder moderne Milch- und Landwirtschaft.
Gemeinsam wurde die Schulausbildung im Dorf verbessert. Vorher konnten meist nur die Jungen zur entfernten Secondary School gehen, die Maedchen hatten nur einen lokale Grundschule. Durch den Bau einer dorfeigenen Secondary School, bekamen auch die Maedchen im Dorf die Chance auf eine weiterfuehrende Schulbildung.
1991 begann Anna Hazare seinen Kampf gegen die Korruption indem er die Bewegung Bhrashtachar Virodhi Jan Aandolan (Volksbewegung gegen Korruption) gruendete. Zuerst bekaempfte er die Korruption vor allem in seinem Heimatstaat Maharashtra. Durch seine Bewegung erreichte er die Versetzung und teilweise unehrenhafte Entlassung von zahlreichen kleinen Offiziellen.
Als er sich mit hoehrern Tieren anlegte kam er 1997 zum ersten Mal ins Gefaengnis, ein Schlag gegen alle Anti-Korruptions Aktivisten im Land. Auf Grund der oeffentlichen Meinung bekannten sich alle groesseren Parteien ausser BJP und der Shiv Sena (die ja die Verhaftung politisch zu verantworten hatten) fuer ihn. Hazare wurde vorzeitig aus dem Gefaengnis entlassen.
Sein naechster Kampf galt dem Gesetz zum Recht auf Information (Right to Information Act). zuerst in Maharashtra, spaeter auf nationaler Ebene. "All corruption can only end if there is freedom of information" sagte er dazu.
In den Jahren 2000-2002 erliessen viele Staaten Indiens daraufhin ihre eigenen Gesetze und 2005 gab es endlich auch auf nationaler Ebene eine Right to Information Act der es jedem indischen Staatsbuerger (mit der Ausnahme von Buergern des Staates J&K) moeglich machte eine Behoerde um Informationen zu bieten. Die Behoerde muss innerhalb von 30 Tagen antworten. Auch muss jede Behoerde im Land fortan seine Dokumente digitalisieren damit diese problemlos von ueberall angefordert und eingesehen werden koennen. Durchaus also ein Meilenstein auf dem Weg Indien zu einem modernen Staat und ein Meilenstein im Kampf gegen die Korruption, auch wenn das Gesetz immer noch viele Ausnahmen zulaesst.
Natuerlich stehen hinter diesem Erfolg noch viele andere Gruppierungen und Aktivisten, aber Anna Hazare hat in diesem Kampf zum ersten Mal auf nationaler Ebene agiert und durch einen Hungerstreik bis zum Tod auf sich aufmerksam gemacht.
Wer ist also dieser Kisan Hazare den alle nur Anna nennen (eine respektvolle Anrede auf Marati)? Er redet viel von Gandhi und folgt seinen Ideen. Er selbst lebt in einfachen Verhaeltnissen, seit 1975 in Ralegan Siddi und hat nach eigenen Angaben 67000 IRS auf der Bank. Sein einziges EInkommen ist seine Armee-Pension.
Gandhis Ideen von der Selbstbestimmung der Doerfer hat sich Anna Hazare zu eigen gemacht genauso seine Idee von einer egalitaeren Gesellschaft. Er tritt gegen soziale Uebel wie Korruption, Alkoholismus ein und sucht die Gesellschaft von unten auf zu verbessern. Gleichzeitig jedoch misstraut er jedem zentralistischem Ansatz und seine Ansichten sind zum grossen Teil pre-demokratisch. So versucht er zum Beispiel Gesetzte durch Hungerfasten zu erzwingen und setzt sich damit ueber die Unabhaengigkeit des Parlaments hinweg. Gleichzeitig gratuliert er Narendra Modi zu seiner Rolle in der Landwirtschaftlichen Entwicklung Gujerats. Dieser lobt ihn darauf hin als "ein wuerdiger Erbe Gandhis". Viele Menschenrechtsaktivisten haben Hazare daraufhin kritisiert. Narendra Modi wurde zwar nie verurteilt, gilt aber gemeinhin als einer der Wortfuehrer und Scharfmacher in den kommunalen Konflikten Gujerats um 2001-2003.
Immerhin scheint er das was er predigt durchaus ernst zu nehmen. Er pflegt einen einfachen Lebenstil und ist keiner von denen die Wasser predigen und Wein trinken. Er schaft es weite Teile der indischen Gesellschaft in seinen Kampf gegen die Korruption mit einzubeziehen. Seine Unterstuetzer kommen aus allen Schichten, vor allem auch aus den Reihen der Studenten und Schueler. Viele Menschen sind die Korruption im Lande einfach satt. Sie schliessen sich seiner Bewegung an, auch weil es vielleicht als schick gilt. Wann immer ich Menschen nach Anna Hazare befragt habe, so waren sie eindeutig fuer seinen Kampf gegen die Korruption, allerdings konnten mir nur wenige etwas ueber seine Person sagen.
Das ist so ein bisschen wie die Welle des Gandhismus nach dem Film Munna Bhai. Alle waren irgendwo dafuer, aber nur wenige hatten sich mit Gandhis Thesen wirklich im Tiefgang auseinandergesetzt.
Ueber die Lokpal, das Gesetz um das zur Zeit heftig gestritten wird, berichte ich morgen.
Und wer mag kann sich hier noch weiter ueber Anna Hazare informieren:



























